Gesprächskreis Niederbrechen beschäftigt sich in seinem jüngsten Treffen mit Bäcker, Bäckereien und backen in früheren Zeiten
In einer Aufstellung des Gemeindearchivs Brechen von ca. 1950 sind acht Bäckereien für Niederbrechen aufgelistet, die teilweise seit mehreren Generationen diesen Beruf ausübten. Allerdings war es auch hier so, dass die wenigsten nur von der Bäckerei leben konnten, sondern i.d.R. nebenbei Landwirtschaft oder eine Gaststätte betrieben (oder beides).
In den Vorkriegsjahren, aber auch noch in den Kriegsjahren war es gar nicht selbstverständlich, dass die Bäckereien einen eigenen Verkaufsraum hatten. Häufig wurde das Brot direkt in der Backstube oder in der Küche verkauft; erst später entstanden kleine Verkaufsstübchen.
Anekdoten und Erinnerungen ans „Backes“
Zum Brotbacken wurde früher hauptsächlich Roggenmehl verwendet. Sollte es ein besonderes oder weiches Brot werden (meist für ältere oder kranke Leute), wurde Weizenmehl verwendet. Brötchen, Kuchen oder sonstiges „Leckergebäck“ waren die Ausnahme.
Da die Familien groß waren, war es keine Seltenheit, dass auf einen Schlag 10 Brote geholt wurden - das allerdings wesentlich länger haltbar war als heute und auch nach einer Woche noch schmeckte und bekömmlich war
Obwohl frisches Brot auch früher schon besonders gut schmeckte, sollte es erstmal liegen bleiben. Erzählt wird die Geschichte von einem Mädchen, das beim Brotholen vom Hunger überrascht worden ist und mit Heißhunger das Innere des frischen Laibs Brot aufaß, so dass nur noch die Brotkruste übrig blieb. Das Tun blieb natürlich nicht unentdeckt – zum einen gab es kräftiges Bauchweh, zum anderen konnte die Brothülle das Fehlen des Brotinneren nicht lange verbergen. Der Bäcker, der von der Geschichte hörte, soll dem Mädchen verschmitzt gesagt haben, „No, Dir geb‘ ich ower ka Brut mi met …“ („Dir gebe ich aber kein Brot mehr“).
Von einem Bauern wird berichtet, dass er seinem Bäcker gebeten hat, er möge das Brot nicht ganz so gut backen, seine Kinder würden sonst zu viel davon essen („Back’s Brut net su gouht, dej fresse daham sonst ze vill!“).
Ansonsten waren die Brotendstücke (die „Kristje“ / „Krüstchen“) besondere Leckerbissen. Schmunzelnd wird erzählt, dass man diese begehrten Teile am Tisch vorab vor aller Augen abgeleckt habe, damit man diese Teile dann auch auf jeden Fall bekam …
Die Verrechnung des Brotbackens war gerade bei den Bauern denkbar einfach geregelt: Dem Bäcker wurde ein Sack Mehl gebracht, quasi als Verrechnung für das spätere Brot. Jedes Brotholen wurde in einem „Brotheftchen“ oder „Brutbichelchje“ (Brotbuch) vom Bäcker vermerkt. War das „Mehl-Guthaben“ aufgebraucht, hieß es dann „Du musst wieder einen Sack neues Mehl bringen“. Da die Familien aus verwandtschaftlichen Verpflichtungen heraus bei verschieden Bäcker einkaufen mussten, waren dann auch zwei bis drei verschiedene „Brutbichelchje“ im Haus. Als es einmal zu einer Verwechslung kam und das falsche Brotbuch vorgelegt wurde, studierte es der Bäcker sehr intensiv mit den Worten „No, da will ich doch grod e‘mol gucke, wejviel Brut ihr beim annern Bäcker backe losst.“
In den armen Zeiten, vor allem auch in den unmittelbaren Nachkriegszeiten, in denen der Hunger Dauergast war, war das „tägliche Brot“ auch auf dem Land keine Selbstverständlichkeit, vor allem bei den Menschen, die keine eigene Landwirtschaft hatten oder als Heimatvertriebene hier ankamen. Hierzu wurde berichtet, dass es durchaus üblich war, dass es anstelle eines Brotes ein paar Kartoffeln zum Frühstück oder zum Abendessen gab.
Von „Quetchekuche“ und „feine Sache“
Kuchen war früher immer etwas Besonderes, zumal die heutige Kuchenvielfalt unbekannt war. Wenn es Kuchen gab (oftmals nur an den Festtagen und i.d.R. nur „auf Bestellung“) waren es „Zuckerkuche“, „Rimmelkuche“, „Kranzkuche“ oder in der Herbstzeit „Quetchekuche“ - „feine Sache“ (Torten / Konditorprodukte) waren eigentlich (fast) unbekannt (und selten zu erhalten).
Die Zutaten zum Kuchen wurden in den 1940er und 1950er Jahren teilweise mit zum Bäcker gebracht (vor allem das Mehl). Bei den Obstkuchen, vor allem beim „Quetschekuche“ und „Äbbelkuche“ war es (teilweise bis in die 1990er Jahre) durchaus üblichen, dass die Kunden die passend geschnittenen Zwetschen und Äpfel in der Backstube (oder der Küche des Bäckers) selbst auf den fertigen Teig des Backbleches setzten: Vor allem in der Quetschezeit wurde dann die Backstub‘ zu einem intensiv genutzten Kommunikationsort …
Auch die heute bekannte Brötchenvielfalt war bis weit in die 1960er Jahre unbekannt. Die Brötchen selbst waren größer als die heutigen, wobei die Bäcker auch tatsächlich ganz kleine Brötchen backten und diese als „Draufgabe“ oder „Gutzje“ verteilten.
In der Adventszeit war es früher durchaus auch üblich, dass die Kunden sich beim Bäcker passende Backbleche ausliehen, zuhause den Teig für die Weihnachtsplätzchen zurecht machten, den aufgerollten Teig mit passenden Plätzchenformen ausstachen oder einem Teigrädchen in bestimmte Formen schnitten, auf die Bleche legten und dann beim Bäcker gegen ein „kleines Backgeld“ backen ließen.
In der Apfelzeit hat es dann wohl auch noch die eine oder andere „Leckerei“ gegeben: Mitgebrachte Äpfel wurden in Brotteig eingepackt und in den Backofen geschoben – eine besondere Form des Bratapfels – quasi ein „Apfel im Schlafrock“ …
Neben den üblichen Backwaren erweiterte sich in den späteren Jahren das Sortiment, z.B. mit Hefe („für 5 Pfennig“, abgeschnitten von einem großen Stück), Mehl, Backzutaten, aber auch mit Süßigkeiten – sogar selbstgemachtes Eis gab es in einigen Bäckereien zu kaufen.
Ortsansässige Bäcker Anfang der 1950er
Peter Eufinger („Eufingisch“) - Limburger Str.
Willi Höhler („Hennichs Bäckisch“) - Neue Str.
Georg Königstein („Schiborns Bäckisch“) - Marktstr.
Karl Kremer („Bäckisch Korls“ und „Bäckisch Leni“) - Limburger Str.
Heinrich Otto („Otto-Bäcker“) - Nikolausstr.
Bernhard Schneider („Stroßebäcker“) - Limburger Str.
Heinrich Schneider(„Bausche“) - Obertorstr.
Alois Stillger („Albans“) - Friedrichstr.
(Quelle: Pressemitteilung Arbeitskreis Historisches Brechen 08.03.2017)
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