Antoniuskapelle

Der heilige Antonius von Padua ist einer der bekanntesten Heiligen. Weit über den Kreis der katholischen Kirche hinaus erfreut er sich großer Beliebtheit, nicht zuletzt wegen seiner Fähigkeit, Verlorenes wiederzufinden. Sein Patronat für verlorene Sachen geht der Überlieferung zufolge auf den Diebstahl seines Psalters durch einen jungen Mönch zurück, der daraufhin von Erscheinungen heimgesucht wurde, bis er das Buch schleunigst zurückbrachte. So nimmt es nicht wunder, wenn die Oberbrechener den beliebten Heiligen und großen Helfer mit einer Kapelle ehrten. Die Chronik erwähnt die seinerzeit am nördlichen Dorfrand erbaute Kapelle erstmals um 1719 in Flurnamen „untig dem Harnkapellgen“ und „im Heyerfeld vorm Hahn uffm berg hindig dem kapellgen“.
Vom heiligen Antonius war damals allerdings noch nicht die Rede. Gemeint war wohl, so wird vermutet, eher ein „Helgenhaus“, ein „Heiligenhaus“ oder Bildstock. Wahrscheinlich handelte es sich um den barocken Fußfall, den die Eheleute Jacob und Anna Staat 1701 aufstellen ließen und dessen Bildrelief später in die Außenwand der 1882 errichteten Kapelle eingelassen wurde. Die quadratische Steinplatte zeigt die Kreuzwegstation „Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.“ Möglicherweise handelt es sich um eine Nachbildung einer Station des bekannten Camberger Kreuzwegs. 1779 wird die Kapelle als „Künße Helgenhauß“, 1793 als „Kuntzen Helgenhauß“ und 1837 und auch noch 1850 als „Kunze Kapelle“ erwähnt, aber immer noch nicht der heilige Antonius.
Das vermutlich von der Familie Künße/Kuntze/Kunz anstelle eines Bildstocks errichtete schlichte Kapellchen wurde 1882 mit „milden Gaben“ großräumig erweitert bzw. neu gebaut, entsprechend der vorgegebenen Barockelemente, obwohl barocke Bauformen damals nicht mehr üblich waren. Jetzt wurde wohl die barocke Antoniusstatue aufgestellt, denn seitdem ist der Bau als Antoniuskapelle bezeugt. Woher diese Statue stammt, ließ sich nicht genau ergründen. Sie könnte eventuell aus der Pfarrkirche stammen, denn bei der Weihe des Vorläuferbaus der heutigen Kirche im Jahr 1737 wurde der rechte Seitenaltar dem heiligen Antonius und der linke den heiligen Franz Xaver geweiht, den eine Statue des Heiligen ziert. Der Antoniusaltar jedoch wurde, so Pfarrer Brinkmann, um 1889/90 zum Josefsaltar umfirmiert und mit einer Josefsstatue versehen. Der seinerzeitige Pfarrer Kunz ließ 1934 von einem Limburger Bildschnitzer eine Antoniusfigur anfertigen, die gegenüber der Franz-Xaver-Statue an einer Kirchenwand Platz fand. Ob der barocke Antonius in der neuen Kapelle seinen Platz fand, ist nicht sicher belegt. Dagegensprechen könnte, so die Vermutung von Pfarrer Brinkmann, die im Vergleich zur Franz-Xaver-Figur weniger elegante Schnitzweise.
In der Denkmaltopographie des Landes Hessen wird die Antoniuskapelle als Rechteckbau mit Vorhalle und Pyramidendach mit einer Gliederung aus breiten Lisenen – Mauerblenden als schmale und leicht hervortretende vertikale Verstärkungen der Wände - und Konsolfriesen, ergänzt durch spitzbogige Öffnungen beschrieben. Nach der großen Erweiterung von 1882 wurde das Heiligtum im Laufe der Zeit mehrfach renoviert. 1951 zum Beispiel erhielt die Antoniuskapelle ausweislich der Pfarrchronik „ein neues Kleid“. Als Stifter stellte sich Malermeister Josef Rudloff zur Verfügung, dem „auch an dieser Stelle herzlich gedankt sei“, so der Pfarrer.
1978 etwa hatten die freiwilligen Helfer, die sich der Kapelle annahmen, um sie vor dem Verfall zu bewahren, Schwerarbeit zu leisten. Die Wurzeln der großen Kastanie neben dem Gebäude und fast genauso alt, waren in das Innere eingedrungen und hatten Fundamente und Fußboden zerstört. In Decke und Wänden waren Risse, und das Dach war undicht. Daher mussten die Fundamente freigelegt und mit einem Betonring umgeben werden, um das weitere Eindringen der Baumwurzeln zu verhindern. Diesem Zweck dient auch der neu eingezogene Betonfußboden, der mit Sandsteinplatten abgedeckt wurde. Wände und Decke wurden ausgebessert und das Dach erneuert und einer neuen Dachrinne versehen. Den neuen Anstrich erledigte Malermeister Zubrod kostenlos. Das Verlegen der neuen Platten habe einige Mühe gemacht, denn die starken Wurzeln hätten zum Teil herausgegraben würden, notierte Pfarrer Alfons Schmidt in der Pfarrchronik. Auch vor dem barocken Altar und der Statue des heiligen Antonius hatte der Zahn der Zeit nicht haltgemacht. Altar und Statue wurden von Josef Geis in Absprache mit dem Bischöflichen Ordinariat restauriert. Anfang Oktober 1978 wurde die Kapelle feierlich wieder eingeweiht.
Sterne überall
Die nächste große Renovierung stand 1995 an. Eigentlich sollte die Antoniuskapelle damals nur innen neu verputzt und wieder weiß angestrichen werden. Als die Helfer jedoch die alte Farbe entfernten, stießen sie auf mehrere Schichten alter Farben. Daher wurde beschlossen, die Kapelle von Fachleuten renovieren und so weit wie möglich wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen.
Unter dem weißen Anstrich aus den 1950er und 1960er Jahren wurde eine Farbschicht aus der Zeit zu Beginn der 1920er Jahre entdeckt, mit Sternen überall, wie es in der Chronik heißt. Darunter befand sich der ursprüngliche Anstrich aus der Erbauungszeit der Kapelle in ihrer jetzigen Form Ende des 19. Jahrhunderts. In Absprache mit dem Bischöflichen Ordinariat, das sich auch an der Finanzierung beteiligte, wurden die alten Farbschichten abgetragen und die originale Farbe konserviert und wiederhergestellt. Auch konnten die noch gut erkennbaren Ornamente mit Hilfe von Schablonen ergänzt werden. Die neuen warmen Farben, insbesondere auch das kräftige Himmelblau des Deckengewölbes, passen gut zu dem rötlichen Sandstein des einige Jahre zuvor erneuerten Fußbodens. Ebenfalls erneuert wurde die Eingangstür.
Schupbacher Marmor und Alabaster imitiert
Der Altar und die darauf befindliche Figur des Kapellenpatrons Antonius von Padua, der im Priestergewand mit einem Stab in der einen und einem Buch, auf dem eine Jesuskind-Figur steht, in der anderen Hand dargestellt wird, wurden in einer Fuldaer Werkstatt restauriert. Altar und Statue erhielten ebenfalls ihre ursprüngliche Farbigkeit zurück, nicht mehr so bunt wie vorher, aber besser mit den neuen Farben der Kapelle harmonierend. Die Holzverkleidung des Altartischs ist in dunklen Grund gehalten. In dem nachbarocken Aufbau aus Holz wird der schwarze Schupbacher Marmor mit seiner feinen weißen Maserung imitiert, was zu jener Zeit sehr beliebt war. Das Weiß der Muschel und der seitlichen ornamentalen Schnitzereien sollen kostbaren Alabaster vortäuschen. Wenige goldene Elemente verleihen dem Altar eine zurückhaltend-elegante Note. Die Heiligenfigur im Zentrum wirkt durch ihre schlichte Farbigkeit. Das Jesuskind, das der Heilige trägt, ist aus schlichtem Gips und wurde wohl später hinzugefügt.
Bereits einige Zeit zuvor hatte die Gemeinde Brechen die Außenanlagen neugestaltet. Unter anderem war zur Kapellenstraße hin ein neuer Treppenaufgang geschaffen und eine Bruchsteinmauer errichtet und mit einem schmucken Geländer versehen worden.
Der Antoniuskapelle wie auch der Kapelle der schmerzhaften Muttergottes am Friedhof, die zugleich Kriegergedächtnis-Kapelle ist, wurde übrigens 1952 eine besondere Auszeichnung zuteil: Hier durfte nun wieder die heilige Messe gefeiert werden. „Auf Eingabe Euer Hochwürden vom 26.3.52 gestatten wir, daß alljährlich am Feste der Schmerzhaften Mutter u. am Feste des hl. Antonius in der betr. Kapelle der dortigen Pfarrei eine hl. Messe gelesen wird“, heißt es in dem entsprechenden Bescheid des Bischöflichen Ordinariats unter dem Aktenzeichen Ad.N.O.E. 3333/52.

Siehe auch: Ein Kranz von Kapellen um und in Oberbrechen

(Text und Bilder aus: Ursula Königstein: „Sollen alle Knie sich beugen“, S. 12-15)

zurück