Auf uraltem heiligen Grund stand womöglich die ursprüngliche Johanneskapelle oberhalb der Barmbach an einem Feldweg nach Villmar. Zumindest deutet der pfälzische Heimat- und Sprachforscher Ernst Christmann (1895-1974) in seinem Buch „Flurnamen zwischen Rhein und Saar“ den Gemarkungsnamen „Auf den Heiern“ als geschützte Erde/geweihter Platz. Vielleicht habe sich hier einmal eine Kultstätte für heidnische Götter oder ein vorchristlicher Friedhof befunden, wird in der „Geschichte von Oberbrechen“ spekuliert. Die Johanneskapelle wird zuerst 1719 als „Heiligen Hauß“ oder „h. heußgen“ erstmals erwähnt. 30 Jahre später, 1747, wird sie als „kleines Heiligenhaus im Heirnfeld“ und 1749 als „Heiligenhaus obig der Barmbach“ genannt. Mit dem Namen Johannes wurde das kleine Heiligtum erst später in Verbindung gebracht, so 1773 und 1774 als „Joanges Capelle“, 1777 als „Joanges Helgenhauß“ und 1784 als „Johanges Capell“.
Tragische Tode
Endgültig eingebürgert haben soll sich der Name „Johanneskapelle“ erst 1850 infolge eines tragischen Ereignisses am Fest Johannes des Täufers, dem 24. Juni, bei dem ein junger Mann namens Johann ums Leben kam; nicht das einzige tragische Geschehen im Umfeld der Kapelle. Im Januar 1735 wurde dort, so die Chronik von Oberbrechen, die Mütze des am 1. Januar 1735 beim Beckarter - dem Treisfurther-Hof plötzlich verstorbenen Jünglings Friedrich Rentz gefunden. Am 24. Juni 1850, verunglückte der 18-jährige Landwirt Johann Renz. Im Kirchenbuch heißt es dazu: „Johann Renz verunglückte morgens um 7 Uhr auf dem Felde, als er erst wenige Schritte von dem Acker, wo er Klee geladen, abgefahren war. Das scheugewordene Pferd warf ihn vom Karren, das Rad ging über ihn her und verletzte ihn dergestalt, daß er nach einem dreistündigen Kampfe das Leben endete“. Nur kurz darauf ereignete sich ein weiterer tragischer Todesfall: „Am 8. Juli 1850 wurde Wilhelm Schneider aus Niederbrechen, welcher erst wenige Tage vorher als Knecht bei der Witwe Renz in Dienst getreten war, morgens um 11 Uhr, auf dem Feld von demselben Pferde, welches 14 Tage vorher den Sohn der genannten Witwe tödlich verletzt hatte, dergestalt getreten, daß er schon den Geist aufgab, als er kaum in die Wohnung seiner Herrschaft gebracht worden war.“ Zum Gedenken an ihren verunglückten Sohn ließ die Mutter von Johann Renz in der Kapelle eine Erinnerungstafel anbringen.
Das genaue Alter der Kapelle lässt sich nicht ermitteln. Einer alten Überlieferung zufolge soll sich hier, so Pfarrer Kunz in der Pfarrchronik, ein Dorf namens Asbach befunden haben. Jedenfalls heißt der Distrikt „Assbacher Pfad“, benannt nach dem Fuß- und Karrenweg von Oberbrechen nach Laubuseschbach - Eschbach bzw. Assbach nach der alten Bezeichnung von Laubuseschbach. In dem von Pfarrer Ludwig Schunk angelegten Sterberegister fand sich unter dem 20.1.1735 eine Notiz, die auf diese Kapelle hinweist.
Als Vorläufer der Johanneskapelle vermutete auch Pfarrer Brinkmann in seiner Beschreibung der Oberbrechener Kapellen einen Bild- oder Heiligenstock, der später auf drei Seiten ummauert und mit einem kleinen Dach und einem winzigen Vordach über dem Eingang versehen wurde. Im Laufe der Zeit dem Verfall preisgegeben, war das Kapellchen in den 1930er Jahren nur noch eine kümmerliche Ruine, wie die Pfarrchronik vermerkt. Daher ließ es die Pfarrgemeinde im Laufe des Spätsommers und Herbstes 1939 zeitgleich mit der Friedhofskapelle, der Kapelle der schmerzhaften Muttergottes, der Eichkapelle und der Antoniuskapelle restaurieren. Mit einem Kostenaufwand von rund 600 Reichsmark wurde es fast vollkommen neu aufgebaut. Da die Kapelle seit jeher den Bauern als Schutz bei Unwettern diente, wurde beim Wiederaufbau auf diesen Umstand Rücksicht genommen. Übrigens führte bis lange nach dem zweiten Weltkrieg eine der drei Bittprozessionen in der Bittwoche dorthin.
Ursprünglich ein Marienheiligtum
Ursprünglich war die Kapelle mit barocken Bauformen wohl ein Marienheiligtum, denn in ihr befand sich vermutlich seit dem 17. Jahrhundert bis zum Verfall des Gebäudes eine barocke Muttergottesfigur, die irgendwann ins Dorf geholt wurde. Um 1930 soll sie auf dem Speicher des Besitzers des Kapellengrundstücks gestanden haben, bis sie, wieder aufgearbeitet und mit ergänzter Krone und Zepter, nach der Erweiterung der Pfarrkirche 1933 auf dem linken Seitenaltar, dem Marienaltar, einen neuen Platz fand. Sie ersetzte eine dort seit 1868 befindliche Gips-Madonna der Nazarener-Schule, die seitdem die Kapelle des früheren Schwesternhauses zierte.
Zuletzt, nachdem im Zuge der Flurbereinigung in den 1960er Jahren der alte Villmarer Weg beseitigt worden war, stand die Johanneskapelle mitten im Acker. Daher wurde sie am 21. September 1974, einem Samstag, abgebrochen. Sie sollte jedoch an anderer, bereits ausgewiesener Stelle auf Kirchengrund wieder aufgebaut werden. Beim Abriss fanden sich im Dachstuhl drei selbstgefertigte Gewehre. Drei Jahre später wurde die neue Johanneskapelle am Nachmittag des Patronatsfests, dem 10. Juli 1977, feierlich eingeweiht. Freiwillige Helfer hatten sie nach einem Entwurf von Walter Rudloff errichtet. Zur Feier des Tages hatte der Pfarrgemeinderat ein Pfarrfest organisiert.
(Text und Bilder aus: Ursula Königstein: „Sollen alle Knie sich beugen“, S. 20-23)
(Text und Bilder aus: Ursula Königstein: „Sollen alle Knie sich beugen“, S. 20-23)
Siehe auch: Ein Kranz von Kapellen um und in Oberbrechen
Quelle: Ursula Königstein: Sollen alle Knie sich beugen. Kapellen, Bildstöcke und Kreuze als Zeichen christlichen Glaubens in der Gemeinde Brechen. Hrsg. Von der Gemeinde Brechen / Gemeindearchiv 2021, 80 S.)